Was bedeutet Public Money, Public Code?
Public Money, Public Code, kurz PMPC, ist eine politische Forderung, die von der Free Software Foundation Europe geprägt wurde und seit einigen Jahren in vielen europäischen Ländern an Gewicht gewinnt. Der Kerngedanke lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Wenn Software mit öffentlichen Geldern bezahlt wird, dann sollte auch der Quellcode öffentlich sein. Konkret bedeutet das, Software, die von oder im Auftrag des öffentlichen Sektors entsteht, unter einer anerkannten Open-Source-Lizenz zu veröffentlichen, sodass sie für alle frei nutzbar, einsehbar, weiterzugeben und zu verbessern ist.
Warum die Forderung wichtig ist
Hinter dem griffigen Slogan stehen mehrere ineinandergreifende Argumente. Steuergelder werden deutlich effizienter eingesetzt, wenn Behörden, Städte und Länder die gleiche Software nicht parallel beauftragen, sondern auf bestehende Lösungen zurückgreifen können. Damit verbunden ist die Frage der digitalen Souveränität, denn offener Code reduziert die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern und gibt der öffentlichen Hand die Kontrolle über die eigene Infrastruktur zurück. Hinzu kommt Transparenz: Wenn Bürger nachvollziehen können, wie eine Anwendung funktioniert, lassen sich Sicherheitslücken schneller entdecken und das Vertrauen in staatliche Verfahren steigt. Schließlich entstehen wirtschaftliche Effekte, weil Start-ups und kleinere Anbieter auf bestehendem Code aufbauen, sich auf Mehrwert konzentrieren und Innovation in den Markt tragen können.
Beispiele aus der Praxis
Eine Reihe von Projekten zeigt, wie der Ansatz im Alltag aussieht. In Deutschland ist die Corona-Warn-App ein prominentes Beispiel, bei dem ein komplettes Anwendungsökosystem öffentlich auf GitHub entwickelt wurde. Barcelona verfolgt mit einer Open-Source-First-Strategie konsequent den Aufbau eigener digitaler Lösungen, darunter die Partizipationsplattform Decidim, die heute in vielen Städten eingesetzt wird. Frankreich hat mit code.gouv.fr einen offenen Katalog staatlicher Software geschaffen. Estland wiederum betreibt mit X-Road eine offene Infrastruktur, die als Rückgrat der digitalen Verwaltung dient und in vielen anderen Ländern übernommen wurde.
Rechtlicher Rahmen
Auch politisch und rechtlich gewinnt der Gedanke an Substanz, sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene. Auf der deutschen Seite verlangen das E-Government-Gesetz und das Onlinezugangsgesetz offene Standards und empfehlen Open Source ausdrücklich; der Koalitionsvertrag von 2021 hat zudem festgehalten, Open Source bei öffentlicher Beschaffung zu bevorzugen. Einzelne Bundesländer wie Schleswig-Holstein gehen mit eigenen Open-Source-Strategien voran. Auf europäischer Ebene flankieren die Open Source Software Strategy der Europäischen Kommission, der Interoperable Europe Act und die Digital-Decade-Initiative diese Bewegung und schaffen einen gemeinsamen Rahmen für offene Standards und Open Source als strategische Grundlage.
Herausforderungen in der Umsetzung
So überzeugend der Grundgedanke ist, in der Praxis sind einige Hürden zu nehmen, die häufig in drei Bereichen liegen:
- Beschaffung und Vergabe, weil das Vergaberecht historisch auf proprietäre Lizenzmodelle ausgerichtet ist und Open-Source-freundliche Ausschreibungen mehr Vorbereitung verlangen
- Technik und Qualität, weil veröffentlichungsfähiger Code eine saubere Dokumentation, Sicherheitsaudits und ein Konzept für die langfristige Pflege benötigt
- Kompetenz und Kultur, weil sowohl in Behörden als auch bei Dienstleistern Erfahrung im Aufbau und in der Pflege offener Projekte erforderlich ist
Hinzu kommt der Widerstand etablierter Anbieter, die mit klassischen Lizenzmodellen arbeiten und ihren Marktanteil verteidigen.
Bedeutung für Agenturen und Web-Projekte
Für Dienstleister im Web-Umfeld ist Public Money, Public Code längst keine ferne Vision mehr, sondern ein konkretes Auftragsfeld. Öffentliche Auftraggeber fragen zunehmend Open-Source-Lösungen nach, verlangen klare Regelungen zu Code-Eigentum und Lizenzwahl und erwarten Erfahrung mit offenen Projekten. Agenturen, die früh in Open-Source-Expertise investieren und Referenzen im öffentlichen Sektor aufbauen, bedienen damit einen wachsenden Markt und tragen dazu bei, dass digitale Infrastruktur transparenter und gemeinwohlorientierter wird. Wichtige Anlaufstellen sind publiccode.eu, code.europa.eu sowie die Plattform Open CoDE.